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Wiler Zeitung

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Auf dem Bild: Andreas Bucher, Philipp Wettach, Milly Haug und Karl Leuch vor einer Kommode, in der «Chez Grand Maman»-Produkte ausgestellt sind. (Foto: Chris Gilb)

In der Ausgabe vom 3. Juni 2016 schreibt der Journalist Chris Gilb einen umfassenden Artikel zur Eröffnung des Restaurant «Chez Grand Maman». Sein Bericht beginnt so: Ab 12. Juni wird das öffentliche Café des Thurvita-Alterszentrums Sonnenhof in Wil «Chez Grand Maman» heissen. Angeboten werden im Restaurant Gerichte, die auf Rezepten der Bewohner beruhen. Auch ein Online-Shop ist in Betrieb.

CHRIS GILB
WIL. Ihre Tochter backe des öfteren Nussstollen, sagt Milly Haug. Doch höre sie immer wieder von ihr, dass dieser einfach nicht so gut wie ihrer schmecke. Letzten Dezember wurden für die Neukonzeptionierung des Cafés im Alterszentrum Sonnenhof in Wil die Bewohner aller Thurvita-Standorte dazu aufgerufen, ihre ganz persönlichen Rezepte einzusenden. Die 86jährige Wilerin reichte das Rezept ihres Nussstollens ein. Nun ist er einer der Angebote auf der Speisekarte des Restaurants «Chez Grand Maman», wie das Café mit Mittagsangebot im Sonnenhof ab 12. Juni heissen wird. «Es tut gut, gebraucht zu werden», sagt Milly Haug. Nebst ihrem Kuchen als Dessert stehen klassische Gerichte wie Kalbsvoressen oder eine Ochsenschwanzsuppe auf der Speisekarte. Alle beruhen auf Rezepten von Bewohnern.

Laborküche und Fachjury
Doch bevor die zwölf Gerichte in die Speisekarte aufgenommen wurden, haben sie ein intensives Auswahl- und Verbesserungsverfahren durchlaufen, an dem Milly Haug ebenfalls beteiligt war. Initiiert hat das Projekt der Leiter Hotellerie der Thurvita, Andreas Bucher: «Wir haben eine Gruppe von Bewohnern – die sogenannten Grand Mamans – die in einem ersten Schritt die eingesandten Rezepte in unserer Laborküche nachkochen und gegebenenfalls verbessern. Anschliessend bereitet unser Küchenchef Philipp Wettach das Gericht gemäss dem vorläufigen Rezept zu und setzt es einer Jury um Spitzenköchin Vreni Giger vor. Die Jury entscheidet, ob das Gericht geeignet ist, Teil der Speisekarte oder auch unseres Online-Shops zu werden. In der Laborküche geht es teils heiss zu und her», sagt Bucher. Denn für die anspruchsvollen Mitglieder der Gruppe müsse jedes Detail stimmen. Gerade würden zum Test zwei Varianten eines Teiges zubereitet, da es in der Gruppe unterschiedliche Auffassungen darüber gebe, was dieser beinhalten sollte. «Jemand findet sogar, es müsse Schweinefett hinein, aber diese Variante wird die Fachjury auf Rücksicht auf Vegetarier sicher ablehnen», sagt Andreas Bucher.

Projekt bietet Erfolgsmomente
Der Grundgedanke des Projektes sei einerseits gewesen, durch ein interessantes Konzept neue Besuchergruppen für das Café zu erschliessen und andererseits etwas für die positive Alltagsgestaltung der Bewohner zu machen. «Irgendwann hat man als Bewohner genug davon, immer die gleichen 200 Socken in der Verkaufsvitrine zu sehen. Da bietet das aktuelle Projekt den Bewohnern schon ganz andere Erfolgsmomente», sagt der Leiter Hotellerie der Thurvita.
Diese Einschätzung bestätigt auch Karl Leuch. Der 84-Jährige ist der einzige «Grand Papa», also männliches Mitglied der Testgruppe. Leuch hat in seinem Leben schon diverse Berufe ausgeübt. Er war Bauer, Bäcker und auch einmal Koch. «Mitmachen ist einfach viel besser, als in die Ecke zu schauen», sagt er.

Schon 800 Produkte verkauft
Küchenchef Philipp Wettach ist für die Umsetzung der Angebote fürs Restaurant und den Online-Shop zuständig. Seit Anfang Jahr betreibt Thurvita einen Online-Shop, über welchen Einzelprodukte und sechs Degustationssets bestellt werden können. Insgesamt 800 Bestellungen gab es schon. «Die Speisen fürs Restaurant oder für den Online-Shop sind Spezialitäten, wie sie auch meine Grossmutter gemacht hat. Nur lernt man auf der Kochschule, sie nicht im Stil von damals zuzubereiten, das ist eine spannende Herausforderung», sagt Küchenchef Wettach. Gerade betreffend der Konservierung müsse sein Küchenteam einiges dazulernen. Denn früher gab es keine Konservierungsstoffe. Das Kalbsvoressen, das im Online-Shop erhältlich ist, wurde deshalb heiss ins
Einmachglas eingefüllt. Weitere Produkte im Shop sind eingemachtes Essiggemüse oder Anisbögen. «Solche Angebote finden sich auch in anderen Restaurants oder Shops. Was unser Angebot aber unterscheidet, ist, dass es wie in der Zeit zubereitet wurde, als es noch von unseren Bewohnern in der heimischen Küche gekocht oder gebacken wurde», so Bucher.

Das Restaurant Chez Grand Maman im Sonnenhof soll nicht das einzige bleiben. «Hier findet der Pilot statt», sagt Bucher. Das erste externe Restaurant soll im geplanten Spitex-Stützpunkt in einer Siedlung in Bronschhofen eröffnet werden. Dieser ist Teil des Thurvita-Konzeptes «Älter werden im Quartier».

http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/stgallen/wil/wv-wi/Es-tut-gut-gebrauchtzu-werden;art119831,4644620